Was ist Spermidin?
Spermidin ist eine natürliche, körpereigene Substanz, die in allen Körperzellen vorkommt. Es gehört zur Gruppe der Polyamine und ist an verschiedenen zellulären Vorgängen beteiligt. Darüber hinaus nehmen wir Spermidin über Lebensmittel auf, beispielsweise über Weizenkeime und Sojabohnen.
Seinen Namen verdankt Spermidin seiner erstmaligen Entdeckung in der Samenflüssigkeit. Heute interessiert sich die Wissenschaft vor allem für eine besondere Eigenschaft: Spermidin kann die Autophagie anregen – das natürliche Recyclingsystem unserer Zellen.
Bei diesem Prozess werden beschädigte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile abgebaut. Die daraus gewonnenen Bausteine stehen anschließend für neue Aufgaben zur Verfügung. Weitere Informationen dazu finden Sie im Artikel „Was ist Autophagie?“.
Warum wird Spermidin erforscht?
Spermidin ist seit vielen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Eine Recherche in der medizinischen Literaturdatenbank PubMed verzeichnete im Juli 2022 nahezu 14.000 Veröffentlichungen zu dieser Substanz [1].
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Spermidin die Zellfunktion beeinflusst und welche Bedeutung dies für unsere Gesundheit hat. Untersucht werden unter anderem Zusammenhänge mit dem Immunsystem, dem Energiestoffwechsel, der Gedächtnisleistung und altersbedingten Veränderungen.
Auch mögliche entzündungshemmende Eigenschaften sowie die Bedeutung für das Herz-Kreislauf-System und die Lebenserwartung beschäftigen die Forschung.
Zu den untersuchten Bereichen gehören:
- die zellulären Abbau- und Recyclingprozesse;
- die Funktion des Immunsystems;
- die Energieversorgung der Zellen;
- entzündliche Prozesse;
- Lebenserwartung und Sterblichkeit;
- altersbedingte Veränderungen;
- Gedächtnis und kognitive Leistungsfähigkeit;
- neurodegenerative Erkrankungen;
- die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems;
- die Regulation des Blutdrucks.
1. Zelluläre Reinigung und Wiederverwertung
Zellen müssen beschädigte Bestandteile regelmäßig abbauen, damit sie funktionsfähig bleiben. Spermidin unterstützt diesen Vorgang, indem es die Autophagie anregt.
Dabei werden nicht mehr benötigte Strukturen und andere zelluläre Abfallstoffe in kleinere Bausteine zerlegt. Diese können anschließend wiederverwendet werden [2].
So verbindet die Autophagie die Reinigung der Zelle mit der Erneuerung ihrer Bestandteile. Spermidin trägt damit zu einem Prozess bei, der für den Erhalt gesunder Zellen von grundlegender Bedeutung ist.
2. Funktion des Immunsystems
Spermidin wird auch im Zusammenhang mit der Immunabwehr untersucht. Dabei spielen die sogenannten T-Zellen eine wichtige Rolle.
Diese Immunzellen übernehmen unterschiedliche Aufgaben bei der Abwehr von Krankheitserregern. Bestimmte T-Zellen erkennen beispielsweise virusinfizierte Körperzellen und helfen, sie zu beseitigen.
Die angeführten Studien beschäftigen sich mit dem Einfluss von Spermidin auf die Autophagie und die Funktionsfähigkeit von Immunzellen [3–5].
3. Energieversorgung der Zellen
Für nahezu jede Aufgabe benötigen unsere Zellen Energie. Einen wesentlichen Teil davon stellen die Mitochondrien bereit, die deshalb häufig als „Kraftwerke der Zellen“ bezeichnet werden.
Spermidin kann die Funktion dieser Zellorganellen fördern [6]. Dieser Zusammenhang macht die Substanz auch für die Forschung zum Energiestoffwechsel interessant.
4. Entzündliche Prozesse
Experimentelle Untersuchungen weisen auf entzündungshemmende Eigenschaften von Spermidin hin.
Eine Studie an Tieren und menschlichen Blutplättchen zeigte, dass Spermidin entzündlichen Prozessen entgegenwirken kann. Die Forschenden sehen darin einen möglichen Ansatz für die weitere Untersuchung entzündlicher Erkrankungen. Zugleich halten sie zusätzliche Forschung für erforderlich [7].
Auch eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Science beschreibt entzündungshemmende Eigenschaften von Spermidin [6].
5. Lebenserwartung und Sterblichkeit
Ein wichtiger Teil der Forschung stammt aus einer Langzeitstudie in der italienischen Stadt Bruneck. Dort wurden 829 Menschen über einen Zeitraum von 20 Jahren begleitet.
Dabei zeigte sich: Teilnehmende, die über ihre Ernährung mehr Spermidin aufnahmen, hatten ein geringeres Sterberisiko als Personen mit einer niedrigeren Aufnahme. Für die Gruppe mit höherer Spermidinzufuhr wurde ein durchschnittlich um 24 Prozent geringeres Risiko beschrieben.
Der beobachtete Unterschied wurde rechnerisch mit nahezu sechs zusätzlichen Lebensjahren in Verbindung gebracht [8,9].
Die Studie beschreibt damit einen Zusammenhang zwischen der Spermidinaufnahme über die Ernährung und der Lebenserwartung.
6. Gedächtnis und kognitive Leistungsfähigkeit
Die Bruneck-Studie lieferte auch Ergebnisse zur kognitiven Leistungsfähigkeit. Sowohl die Ernährung als auch die geistigen Fähigkeiten der Teilnehmenden wurden wiederholt untersucht.
Personen mit der höchsten Spermidinaufnahme hatten eine um 37 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für eine eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit. Dieser Zusammenhang wurde unabhängig von Geschlecht, sozialem Status und Bildungsniveau beschrieben [8].
Auch experimentelle Arbeiten beschäftigen sich mit Spermidin und dem Gedächtnis. Eine Untersuchung an Mäusen zeigte Zusammenhänge zwischen Spermidin und Gedächtnisprozessen [10]. Eine weitere Studie untersuchte seine Bedeutung für altersbedingte Gedächtnisveränderungen [11].
Diese Ergebnisse liefern Ansatzpunkte für die Frage, ob eine zusätzliche Spermidinaufnahme zum Erhalt der Gehirn- und Gedächtnisfunktion beitragen kann.
7. Altersbedingte Veränderungen
Mit zunehmendem Alter können sich beschädigte Bestandteile in den Zellen ansammeln. Die Autophagie hilft, solche Strukturen abzubauen und ihre Bausteine wiederzuverwerten.
Forschende der Universität Graz untersuchten, wie die durch Spermidin angeregte Autophagie altersbedingten Veränderungen entgegenwirken kann [12].
Das Interesse richtet sich dabei besonders auf die zelluläre Erneuerung: Wenn beschädigte Bestandteile effizient entfernt werden, können Zellen ihre Funktionsfähigkeit besser erhalten.
8. Neurodegenerative Erkrankungen
Auch bei Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Huntington spielt die zelluläre Qualitätskontrolle eine Rolle.
Bei diesen neurodegenerativen Erkrankungen können sich fehlgefaltete oder schädliche Proteine im Nervensystem ansammeln. Die Autophagie ist an deren Abbau beteiligt.
Vorläufige Untersuchungen zeigen, dass eine Anregung der Autophagie die Menge bestimmter schädlicher Proteine verringern kann [13,14]. Deshalb wird erforscht, welche Bedeutung Spermidin in diesem Zusammenhang haben könnte.
9. Herz-Kreislauf-Gesundheit
Das Forschungsteam um Tobias Eisenberg von der Universität Graz untersuchte die Wirkung von Spermidin auf das Herz-Kreislauf-System.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Spermidin einen möglichen Ansatz zum Schutz von Herz und Gefäßen bieten könnte [15].
10. Blutdruck
In derselben Forschungsarbeit wurde ein Zusammenhang zwischen einer höheren Spermidinaufnahme über die Ernährung und niedrigeren Blutdruckwerten beschrieben [15].
Damit gehört auch die Blutdruckregulation zu den Bereichen, in denen die Bedeutung von Spermidin weiter untersucht wird.
Spermidin über die Ernährung oder als Ergänzung?
Verschiedene Lebensmittel enthalten Spermidin. Wie viel wir davon täglich aufnehmen, hängt jedoch davon ab, was und wie viel wir essen. Da spermidinreiche Lebensmittel nicht jeden Tag in denselben Mengen auf dem Speiseplan stehen, kann die Zufuhr schwanken.
Hinzu kommt die Verarmung landwirtschaftlicher Böden, durch die der Gehalt verschiedener Nährstoffe in Lebensmitteln zurückgeht. Davon ist auch die Spermidinversorgung betroffen.
Als Beispiel für Veränderungen des Nährstoffgehalts wird ein Rückgang des Magnesiumgehalts von Spinat um 76 Prozent innerhalb von 17 Jahren beschrieben: von 62 auf 15 Milligramm je 100 Gramm [2].
Ein Spermidinpräparat kann die Ernährung um eine festgelegte tägliche Menge ergänzen. Dadurch lässt sich die Aufnahme unabhängig von wechselnden Ernährungsgewohnheiten gestalten.
Worauf sollte man bei Spermidinpräparaten achten?
Präparate unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ausgangsstoffe, ihres Spermidinanteils und ihrer Zusammensetzung. Für die Auswahl lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Kennzeichnung.
Natürliches oder synthetisches Spermidin?
Spermidin kann aus natürlichen Quellen gewonnen oder synthetisch hergestellt werden. Präparate natürlichen Ursprungs sind vorzuziehen, da synthetisches Spermidin vom Körper schlechter aufgenommen wird und in Europa verboten ist. Entsprechende Produkte werden dennoch vereinzelt angeboten.
Prüfen Sie deshalb die Zutatenliste. Die Bezeichnung „Trihydrochlorid“ weist auf die synthetische Form hin. Auch ein Spermidinanteil von mehr als sechs Milligramm kann ein Hinweis auf eine synthetische Quelle sein.
Natürliche Spermidinquellen im Vergleich
Für Spermidinpräparate natürlichen Ursprungs kommen unterschiedliche Ausgangsstoffe infrage. Sie unterscheiden sich sowohl in ihrer Konzentration als auch im Glutengehalt.
|
Spermidinquelle |
Angegebener Spermidinanteil |
Gluten |
|
Weizenkeimpulver oder Weizenkeimmehl |
0,2 mg pro Gramm |
Enthält Gluten |
|
Soja |
0,2 mg pro Gramm |
Glutenfrei |
|
Herkömmliche Chlorella |
0,6 mg pro Gramm |
Glutenfrei |
|
Weizenkeimextrakt |
1,2 mg pro Gramm |
Enthält Gluten |
|
Speziell kultivierte Chlorella |
1,69 mg pro Gramm |
Glutenfrei |
Unter den aufgeführten Quellen bietet speziell kultivierte Chlorella die höchste Spermidinkonzentration. Gleichzeitig ist sie glutenfrei und damit eine besonders geeignete Grundlage für ein natürliches Spermidinpräparat.
Eine gesunde Ernährung liefert Spermidin aus unterschiedlichen Lebensmitteln. Wer zusätzlich eine gleichbleibende tägliche Menge aufnehmen möchte, kann sie durch ein Präparat natürlichen Ursprungs ergänzen.
Quellen
[1] Spermidine. Geraadpleegd op 10 juli 2022 van: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=spermidine
[2] Liao, C. Y., et al. (2021). The autophagy inducer spermidine protects against metabolic dysfunction during overnutrition. The Journals of Gerontology:
Series A, 76(10), 1714-1725.
[3] Gassen, N. C., et al. (2021). SARS-CoV-2-mediated dysregulation of metabolism and autophagy uncovers host-targeting antivirals. Nature Communications,
12(1), 1-15.
[4] Pietrocola, F., et al. (2019). Spermidine reduces cancer-related mortality in humans. Autophagy, 15(2), 362-365.
[5] Alsaleh, G., et al. (2020). Autophagy in T cells from aged donors is maintained by spermidine and correlates with function and vaccine responses. Elife, 9,
e57950.
[6] Madeo, F., et al. (2018). Spermidine in health and disease. Science, 359(6374), eaan2788.
[7] Jeong, J. W., et al. (2018). Spermidine protects against oxidative stress in inflammation models Biomolecules & Therapeutics, 26(2), 146.
[8] Kiechl, S., et al. (2018). Higher spermidine intake is linked to lower mortality: a prospective population-based study. The American Journal of Clinical
Nutrition, 108(2), 371-380.
[9] Minois, N. (2014). Molecular basis of the ‘anti-aging’effect of spermidine and other natural polyamines-a mini-review. Gerontology, 60(4), 319-326.
[10] Tiboldi, A., et al. (2012). Hippocampal polyamine levels and transglutaminase activity are paralleling spatial memory retrieval in the C57BL/6J mouse.
Hippocampus, 22(5), 1068-1074.
[11] Gupta, V. K., et al. (2016). Spermidine suppresses age-associated memory impairment by preventing adverse increase
of presynaptic active zone size and release. PLoS Biology, 14(9), e1002563.
[12] Bhukel, A., et al. (2017). Spermidine boosts autophagy to protect from synapse aging. Autophagy, 13(2), 444-445.
[13] Pekar, T., et al. (2021). The positive effect of spermidine in older adults suffering from dementia. Wiener Klinische
Wochenschrift, 133(9), 484-491.
[14] Tan, C. C., et al. (2014). Autophagy in aging and neurodegenerative diseases: implications for pathogenesis and therapy.
Neurobiology of Aging, 35(5), 941-957.
[15] Eisenberg, T., et al. (2016). Cardioprotection and lifespan extension by the natural polyamine spermidine. Nature Medicine,
22(12), 1428-1438.
[16] Nature-based agriculture for an adequate human microbiome. Geraadpleegd op 12 juli 2022 van www.researchgate.net/
publication/341410233_Nature-based_agriculture_for_an_adequate_human_microbiome
